Page 160 - Heft-1_2017
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Rissklettern –
Schmerz und Leid, Ästhetik und Eleganz
Wie mit einem Blitz geschlagen ziehen sich Risse über Fel- sen. Manche schlängeln und winden sich feingliedrig und in wechselnden Breiten über die Wände. Andere verlaufen gleichbleibend parallel und stoßen mit einer Vehemenz in die Vertikale, dass man meinen könnte, sie würden über das Ende der Wand hinaus in die Weite des Himmels vorstoßen wollen.
Dass Risse aber nicht nur ein ästhetisches Zauberwerk der Natur sind, wird spätestens dann klar, wenn man versucht, sie zu klettern. Die variierenden Breiten der Rissspalten und die menschliche Physiologie müssen in einem oft langwieri- gen, aber liebenvollen Ringen erst einmal Freundschaft mit- einander schließen, bevor es gelingt, wie mit einem Schlüs- sel-Schloss-Prinzip die richtige Extremität zu finden, die der Riss in seiner Erhabenheit bereit ist, nicht nur aufzunehmen, sondern auch festzuhalten.
Manchmal sind das nur die Fingerspitzen (sehr instabil und schmerzhaft), die ganzen Finger (auch schmerzhaft, aber ziemlich sicher), die fla- chen Hände (der Traum jedes Risskletterers), die Fäuste (nicht notwendigerweise schmerzhaft, aber auch nicht sonderlich sicher) oder Teile von Armen, Beinen und Schulter (die schwierigste aller Rissklettertechniken).
Weil Bergsteigen bekanntlich gerade kein Bergziehen ist, müssen auch die Füße ähnli-
che Wunder leisten und entweder an kleinen Felsunebenhei- ten neben dem Riss Halt finden (Fingerrisse), sich ähnlich schmerzhaft wie die Hände im Riss verdrehen (Hand- und Faustrisse) oder zwischen Fußspitze und Hacke im Riss ver- keilen (Schulterrisse).
Modernes Foltergerät?
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